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Das Meer der Wahrheit…

„Dann sahen wir eine Sendung über die Vogelgrippe, die sich aus Asien nach Europa auszubreiten drohte. Die Stimme aus dem Off beschrieb die Situation als zunehmend beängstigend und wiederholte gleich danach, es gebe keinen Grund zur Panik; die Bilder zeigten Männer in weißen Overalls, die Gänsen und Enten nachliefen, sie an den Flügeln oder am Hals packten und in Plastiksäcke steckten. Auf den folgenden Bildern wurden die Säcke in frisch gegrabene Gruben geworfen und zuckten noch vor Leben, während jemand schaufelweise Kalk darüberschüttete. Gleich danach erschien ein Arzt, der erklärte, es sei noch kein Impfstoff verfügbar, doch es sei alles unter Kontrolle. Dann erschien der Gesundheitsminister und erklärte mit dümmlichem Gesichtsausdruck, dass die Regierung schon dreißig Millionen Dosen Impfstoff geordert habe und man sich wirklich keine Sorgen machen müsse. Schließlich erschien wieder der Studiosprecher, zählte noch alarmierendere Daten auf und schloss mit den Worten, es gebe keinerlei Grund zur Beunruhigung.“

(Andrea de Carlo: Das Meer der Wahrheit, 2006
aus dem Italienischen von Maria Pflug
2008 bei Diogenes, Zürich )

Welche Wahrheiten sind wichtig? Glaubwürdig? Wirklich wahr?
Eine Aufforderung meinerseits, den eigenen Medienkonsum und die Rolle, die wir den Medien in unserer Urteilsbildung zugestehen,
zu überdenken…