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Zukunftsstrategien und UN-Sonderberichterstattung

Die versprochene Fortsetzung also jetzt einen Monat später. Wie lange es jetzt noch dauert, bis es in Hamburger Mensen, Schulen und Kindergärten mehr als – na, sagen wir mal: 50% Bio-Speisen gibt, steht weiterhin in den Sternen. Der politische Wille steht halt nicht auf ehernen Füssen!
Mein Freund Reiner, Vertriebsleiter beim Biogroßhändler, saß neulich (auf der Biofach) mit dem Mecklenburger Landwirtschaftsminister Till Backhaus und dem Nürnberger Bürgermeister Ulrich Maly zusammen.
Als er vorschlug, die Umsetzung von Nachhaltiger Politik doch einfach zu beschliessen (die Mehrheiten sind ja schließlich vorhanden), waren die Herren sich einig: das würde zu Unmut in der Bevölkerung führen etc…

Das scheint auch Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt so zu sehen:  im Februar veröffentlichte sein Ministerium ein Papier namens „Zukunftsstrategie ökologischer Landbau„. Viel Papier (98 Seiten), aber auch viel (Papier)Tiger! Eine ausführliche Analyse bietet Leo Frühschütz, Journalist und Brancheninsider hier: Analyse
Im Wesentlichen wiederholt das Papier die altbekannten Ziele (20% Ökolandbau), ohne Fristen zu setzen; schreibt bisherige „Errungenschaften“ fort und bezeichnet sie als neu; und ersetzt das Tun durch das Reden – alles wie gehabt!

Und wieder fragt man sich, warum in unserer hochentwickelten Gesellschaft die wirklich notwendigen Dinge so schwer voranzutreiben sind. Denn daß sie notwendig sind, dafür gibt es schon viele Belege, zuletzt den Bericht der UN-Sonderberichterstatterin Hilal Elver „Report of the Special Rapporteur on the Right to Food„.  Ihr Bericht weist nach, daß Pestizide das Problem sind, nicht die Lösung. Sie zerstören Bodenfruchtbarkeit nicht nur bei uns, sondern weltweit – während gleichzeitig die Weltbevölkerung wächst und ein immer grösserer Teil davon hungern muß. Ganz zu schweigen von der Artenvielfalt, zu deren grössten Feinden Pestizide zählen!

Während also die Politik uns hofiert und dem Geld gehorcht: gehorchen wir doch der Vernunft und hofieren Niemanden!

Biostadt Hamburg

Am kommenden Wochenende (24. – 26. Februar) findet in der Handelskammer die Messe hamburg.bio statt, anlässlich des Beitritts Hamburgs zum „Netzwerk der Biostädte“. So manch einer hat sich schon (zu Recht) gefragt, wie Hamburg zur „Umwelthauptstadt“ werden konnte (das war 2011) – jetzt auch noch Biostadt? Was geht denn da vor?
Nun ja. Das Netzwerk der Biostädte ist eine aus Italien stammende Idee, dort gibt es mittlerweile 52 teilnehmende Orte (u.a. Rom, Neapel und Turin). Nürnberg war 2006 die erste deutsche „Biostadt“, Hamburg ist die 10. Damit verpflichtet die Stadt sich dazu:

„Den Ökolandbau, die Weiterverarbeitung und die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln mit kurzen Transportwegen und regionaler Wertschöpfung zu fördern.
Vorrang für Bio-Lebensmittel bei öffentlichen Einrichtungen, Veranstaltungen und Märkten. Insbesondere bei der Essenversorgung von Kindern und Jugendlichen auf gesunde Bio-Lebensmittel zu setzen.
Über vielfältige Aktionen, Veranstaltungen und Maßnahmen private Verbraucherinnen und Verbraucher, aber auch Betriebskantinen und Cateringunternehmen anzusprechen.
Im Rahmen der Wirtschaftsförderung die Bio-Branche zu vernetzen und Arbeitsplätze in einer Zukunftsbranche zu fördern.
Darauf hinzuwirken, dass sich die staatliche Förderpolitik wesentlich stärker auf die Bio-Branche und entsprechende Kooperationsprojekte fokussiert, und agrar¬politische und wirtschaftspolitische Maßnahmen enger mit den kommunalen Aktivitäten verzahnt werden.“
(https://www.biostaedte.de/ueber-uns/ziele.html)

Als Inhaber eines kleinen Bioladens hat man da natürlich so seine Vorbehalte: werden wir überhaupt wahrgenommen, oder geht das über unsere Köpfe hinweg – Fördermittel für Biosupermärkte, Großflächenwerbung für Discount-Bio, Schulterklopfen für Senator/innen und ganz viel Geld für die Werbebranche… Vielleicht. Aber immerhin: auch wenn man die selbstgesetzten Ziele nicht so wörtlich nehmen darf (es müssen ja noch diverse Lobbies bedient werden), sind sie doch besser als keine Ziele. Darum stelle ich mich am Sonntag auf die hamburg.bio, mit Ute Thode von BIÖRN e.V. (Öko-Regionalvermarktung Norddeutschland) und versuche, die kleinen Bioläden ins öffentliche Bewußtsein (das der Politiker und das der Allgemeinheit) zu bringen. Warum das so wichtig ist und wie es mir dabei ging, folgt dann nächste Woche!

http://biostadt.hamburg/

„Lob des kleinen Bioladens“

Bereits im Dezember schrieb ich auf facebook über Equitoxin in Zuchtfischen. Greenpeace hatte diesen Stoff, der konventionellem Fischfutter als Antioxidationsmittel zugesetzt wird, in konventionellem Fisch aus Aquakultur in gesundheitlich bedenklichen Mengen gefunden.

http://www.my-fish.info/sites/default/files/ggaq_bild1.png
Aquakultur. Quelle: www.my-fish.info

Mittlerweile liegen Reaktionen der Inverkehrbringer (also der Supermärkte) vor. Tenor: man würde es begrüßen, wenn die Politik Höchstwerte vorgeben würde – bis dahin rührt sich aber keiner.

Mit anderen Worten: der konventionelle Lebensmitteleinzelhandel kümmert sich nicht um das Wohlergehen seiner Kunden, solange es nicht gesetzlich vorgeschrieben wird. Denn wer als Erster in equitoxinfreies Futtermittel investiert (das verlangt kürzere Transportwege für das Futter, das weit entfernt aber viel billiger ist), muß seinen Fisch teurer anbieten. Und der Preis ist nun mal im konventionellen Handel das wichtigste Argument. Böse Zungen behaupten sogar: das Einzige.

Leider bekriegen sich (und uns) auch die Bio-Supermärkte mithilfe günstiger Angebote. Über immer mehr Mengen soll die Produktion verbilligt werden, sodaß „Bio für Alle“ erschwinglich wird. Leider sind landwirtschaftliche Betriebe keine Fabrikhallen, und Artenvielfalt, Lebensqualität und faire Bedingungen für Alle haben wenig mit Fließbandarbeit gemein. Daher empfiehlt Nico Paech, Postwachstumsökonom an der Universität Oldenburg, in einem Interview der BioWelt:

„“Wir müssen dem Einzelhandel wieder jene Kompetenz zuschreiben, die der gerade auf den Kunden abschiebt. Der Einzelhändler muß wieder als Kompetenzträger wahrgenommen werden.“ Dies setzt allerdings Vertrauen voraus: „Nur unmittelbarer Kontakt kann die Produktqualität sichern, anders geht es nicht. Sonst entsteht nämlich Entmoralisierung durch Distanz: wenn ich einem Kunden nicht in die Augen sehen muß, sinken die Hemmschwellen. Und die Anonymität des Marktes führt genau dazu.“ Unter der Überschrift: siehe oben.

Den ganzen Artikel in der BioWelt finden Sie hier: Paech_Biowelt

Über die Grundzüge der Postwachstumsökonomie: http://www.postwachstumsoekonomie.de/material/grundzuege/

und ein lesenswerter Blog: http://www.postwachstum.de/

 

 

 

Schnee in Apulien!

Bei uns ja eher mild, in Süditalien: Ausnahmezustand! 70 cm Schnee, anhaltender Frost – damit kennt man sich in Apulien, Kampanien, Sizilien überhaupt nicht aus. Das gab’s dort seit 50 Jahren nicht mehr!
Die Folgen: Gemüse wie Fenchel, Mangold, Blumenkohl können nicht geerntet werden und verderben auf den Feldern; Gewächshäuser brechen unter der Schneelast zusammen, ebenso Weinstöcke. Die Wasserleitungen des „Apulischen Aquädukts“, Europas grösstem Wasserversorgungsnetz, frieren ein, teilweise platzen sie; um die Versorgung der Haushalte zu gewährleisten, musste der Leitungsdruck gesenkt werden.
Und wenn dann die Schneeschmelze eintritt, werden voraussichtlich viele Deiche nicht standhalten…
Als wir vor drei Jahren im Sommer dort waren, gab es einen Tag mit viel Regen; danach waren Straßen unterspült, Felder überschwemmt, und die am Vortag völlig ausgetrockneten Bäche rissen alles mit, was ihnen im Weg lag – bei einem Wasserstand von 1,50 Metern!

Für uns als Laden und euch als Kunden bedeutet die Situation erstmal: alles wird teurer! Fenchel, Zucchini und Mangold gibt es (noch), Blumenkohl ist unerschwinglich, bei Tomaten, Wirsing und Zitrusfrüchten treten die Auswirkungen noch nicht gleich auf.
Natürlich wird jetzt vermehrt spanische und griechische Ware angeboten werden, aber die Nachfrage dürfte nicht befriedigt werden, und wie war das nochmal mit Angebot, Nachfrage und Preis? Genau!
Für alle, die es sich leisten können: nicht kaufen ist keine Lösung!
Die süditalienischen Landwirte brauchen jetzt unsere Unterstützung, und meine Meinung ist: wenn wir mehr für ihre Produkte zu zahlen bereit sind, zeigt es unsere Wertschätzung für ihre Arbeit, und das ist viel mehr als jede Spende leisten kann!

 

kritischer Agrarbericht

Pünktlich mit Eis und Schnee haben wir heute auch den „kritischen Agrarbericht 2017“ bekommen. Er wird jährlich vom ABL-Verlag herausgegeben und beleuchtet die Weltlandwirtschaft, wie der Name sagt: kritisch. Eine stets hochinteressant Veröffentlichung, weshalb ich auch ein Exemplar in der Bioinsel ausliegen habe. Kommt also gerne vorbei und lest bei Kaffee oder Tee immer mal einen der spannenden Essays, in diesem Jahr mit dem Schwerpunkt „Wasser“! Die Ausgaben der vergangenen Jahre (da sich in der Agrarpolitik ja kaum etwas tut, immer noch hochaktuell!) können hier heruntergeladen werden:
http://www.kritischer-agrarbericht.de/2017.368.0.html

Bild könnte enthalten: Pflanze, Himmel, Gras, Wolken, Blume, im Freien und Natur

Kein automatischer Alternativtext verfügbar.

Das Meer der Wahrheit…

„Dann sahen wir eine Sendung über die Vogelgrippe, die sich aus Asien nach Europa auszubreiten drohte. Die Stimme aus dem Off beschrieb die Situation als zunehmend beängstigend und wiederholte gleich danach, es gebe keinen Grund zur Panik; die Bilder zeigten Männer in weißen Overalls, die Gänsen und Enten nachliefen, sie an den Flügeln oder am Hals packten und in Plastiksäcke steckten. Auf den folgenden Bildern wurden die Säcke in frisch gegrabene Gruben geworfen und zuckten noch vor Leben, während jemand schaufelweise Kalk darüberschüttete. Gleich danach erschien ein Arzt, der erklärte, es sei noch kein Impfstoff verfügbar, doch es sei alles unter Kontrolle. Dann erschien der Gesundheitsminister und erklärte mit dümmlichem Gesichtsausdruck, dass die Regierung schon dreißig Millionen Dosen Impfstoff geordert habe und man sich wirklich keine Sorgen machen müsse. Schließlich erschien wieder der Studiosprecher, zählte noch alarmierendere Daten auf und schloss mit den Worten, es gebe keinerlei Grund zur Beunruhigung.“

(Andrea de Carlo: Das Meer der Wahrheit, 2006
aus dem Italienischen von Maria Pflug
2008 bei Diogenes, Zürich )

Welche Wahrheiten sind wichtig? Glaubwürdig? Wirklich wahr?
Eine Aufforderung meinerseits, den eigenen Medienkonsum und die Rolle, die wir den Medien in unserer Urteilsbildung zugestehen,
zu überdenken…

 

 

Aktuelle Ergebnisse vom Ökomonitoring Baden-Württemberg

Das Ministerium für ländlichen Raum und Verbraucherschutz in Baden-Württemberg untersucht jedes Jahr den Pestizidrückstandsgehalt von konventionell und ökologisch erzeugtem Obst und Gemüse. Die Ergebnisse sind jedes Jahr eine Bestätigung für die Arbeit der ökologisch wirtschaftenden Landwirte: eine Zusammenfassung der Ergebnisse gibt es hier: Ökomonitoring